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Die Signatur des Schönen
Die Bilder von Jobst Tilmann plädieren unprätentiös,
sehr leise, aber sehr nachdrücklich, dafür, die Schönheit
in den Mittelpunkt der ästhetischen Reflexion zu stellen.
Schönheit, recht verstanden, ist alles andere als unpolitisch.
Im Gegenteil, sie kann ein mächtiges Motiv sein, dass der
Mensch sich ändert und mit ihm die Gesellschaft. Schönheit
ist nicht zu verwechseln mit Dekoration. Dekoration ist immer
affirmativ, Schönheit ist kritisch. Dekoration bestätigt
die Verhältnisse wie sie sind, Schönheit stellt sie
in Frage. Dekoration schmückt, Schönheit bewegt. Die
Schönheit in der Kunst ist stets ein Gleichnis. Sie erzählt
von Utopia und vom Vorschein einer besseren Wirklichkeit. Adornos
Satz trifft hier zu, auf das Gedicht gemünzt, aber darum
nicht weniger wahr für die Bildende Kunst. Was der Gehalt
des Kunstwerks sei, "das zu bestimmen", erklärte
der Denker, "verlangt Wissen vom Inneren des Werkes wie von
der Gesellschaft draussen."
Tilmanns Bilder sind schön, weil sie in ihrer Faktur einem
humanen Mass folgen. Sie orientieren sich in gleicher Weise an
objektiven und subjektiven Kriterien und führen sie zusammen.
Sie inszenieren einen Traum, den wir alle träumen. Es ist
der Traum eines gelingenden, nicht entfremdeten Lebens. Es ist
die Engführung von Wunsch und Wirklichkeit, von einem erfolgreichen
in der Weltsein und zugleich mit der Weltsein. Dieser Traum zieht
in Tilmanns Bilder ein durch eine geglückte Allianz von Kalkül
und Ekstase. Tilmann kalkuliert seine Bilder, er hat ein genaues
und sehr klares Konzept von dem, was er machen will. Präzise
Vorentscheidungen legen Zeugnis davon ab. Da ist zuerst die Wahl
des Mediums, Tusche und Papier oder Leinwand und Acryl oder Holz
und Acryl. Dann folgen die Entscheidungen für ein bestimmtes
Bildformat und eine bestimmte Farbe. Tilmann wählt immer
nur unter den Primärfarben aus, die durch Weissbeimischungen,
durch Lösungen und Schichtungen zu unterschiedlicher Intensität
vermalt werden. Das entspricht seinem Kodex, die Parameter seiner
Kunst durchsichtig und nachvollziehbar zu halten. Schliesslich
folgt die Wahl eines bestimmten Pinsels. Sein Haar, seine Breite
und Dichte sind genauso wichtig wie Tusche, Farbe und Malgrund.
Tilmann steht, historisch gesehen, mit der Konzentration auf das
Medium Tusche und die lasierende Farbe in der Tradition der grossen
chinesischen und japanischen Tuschemaler. Lesen wir in den Traktaten
der Theoretiker dieser Kunst, lernen wir, dass sie Tusche und
Pinsel wie lebendige Wesen betrachten.
Vom Genius des Künstlers geführt, haucht ihr Atem der
Materie Leben ein. Jeder Pinselstrich und jede Tuschenuance repräsentieren.
Sie stehen für Emotionen wie Ideen, sie denken und fühlen.
Insofern stellen diese Bilder den Kosmos nach und bauen zugleich
einen eigenen Kosmos auf. Jede Wolke und jede Welle, jeder Berg
und jeder Baum hat ein geistiges Substrat. Und genauso geht es
mit den Bildern von Jobst Tilmann. Was wir dort auf den ersten
Blick, in grösster Lakonie gemalt, als Gitter, als Struktur,
als Lineament wahrnehmen, hat eine eigene Sprache, die auf ihre
Weise, die Welt nicht nur abbildet, sondern auch kommentiert.
Sobald Tilmann sich für Bildgrund, Bildformat, für Tusche
und Pinsel entschieden hat, geht er an die Arbeit. Selten oder
nie braucht der Künstler Skizzen oder Vorstudien. Es kann
sein, dass er einmal flüchtig auf ein Blatt Papier wirft,
wohin die Reise des Malens gehen soll, was in seinem Falle heisst,
ob er von der Mitte des Blattes aus mit seinem bildnerischen Werk
beginnt oder vom oberen oder unteren, vom linken oder rechten
Bildrand aus, wie er sich die Abstände seiner Pinselbahnen
denkt und wie das System der anvisierten, lasierenden Farbüberlagerungen.
Tilmann braucht keine Vorstudien, aber nicht, weil das bildnerische
Tun so einfach wäre - das ist es nicht. Es erfordert im Gegenteil
höchste Konzentration, die keine Ablenkung duldet. Bei der
Arbeit gibt es, einmal angefangen, eine Vertiefung, ein Gerichtetsein
auf den Malakt, eine Intentionalität, die mystischer Versenkung
nicht unähnlich sind. Das ist auch der Augenblick der eingangs
erwähnten Ekstase. Eine kalkulierte Ekstase. Ein Aus-sich-Heraustreten,
wo das ganze Sein des Künstlers identisch wird mit dem künstlerischen
Akt.
Der Künstler braucht keine Vorstudien, weil er, um es mit
einer linguistischen Anleihe zu sagen, Grammatik und Lexikon seiner
Bilder im Kopf trägt. So wie die Sprache als System die Vielzahl
unserer Sprechakte erlaubt, so generiert das bildnerische System
von Jobst Tilmann eine Vielzahl möglicher Bilder. Dieses
System ist in gewisser Weise seine Erfindung, das er sich patentieren
lassen könnte wie Yves Klein sein berühmtes Blau.
Bestimmte, wenige Parameter, lassen sich auffächern zu einer
unendlichen Zahl bildnerischer Äusserungen. Es ist wie in
den Sprachtheorien der Strukturalisten, von Saussure bis Chomsky:
ein Gepflecht binärer Regeln erzeugt eine komplexe Sprachlandschaft.
Oder wie bei der Funktionsweise eines Computers. Oder wie bei
einem Schachspiel: wenige Figurfunktionen erlauben eine Unendlichkeit
von Partien.
Obwohl Tilmanns Arbeiten bei ihren wechselnden Allianzen und Bildteilungen
immer dem orthogonalen Prinzip gehorchen, gewinnen sie ihre unverwechselbare
Signatur durch die Handschrift des Künstlers. Sie führt
dazu, dass das Gleiche ungleich und das ähnliche unähnlich
wird. Sie führt zu den Unschärferelationen der Bilder.
In seiner Handschrift scheint die Physiognomie des Autors auf,
ohne recht eigentlich da zu sein. Und doch ist sie da. Sie ist
da in der Manufaktur - ganz wörtlich zu verstehen als das
von Hand Gemachte - iunregelmässiger Ränder und leicht
verzogener Linien, in der unterschiedlichen Transparenz der Farbbahnen
und im satten Ansatz eines allmählich sich ausdünnenden
Pinselzugs. Die subjektive Signatur ist die Konterbande, die Tilmann
gegen den strukturalen Anschein in seine Bilder schmuggelt. Sie
konterkariert das Gerede der Kritik von der Konkreten Kunst, ein
Etikett, das ebensowenig zu seinem Werk passt wie das der Minimal
Art.
Michael Stoeber
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