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Kunst, schrieb einmal der französische Philosoph Alain,
ist eine Form des Tuns, nicht des Denkens. Dieser Zug ist der offenbarste
und zugleich verborgenste von allen. Denn es ist üblich, den Plan
eines Werkes zu diskutieren und sich zu fragen, was der Künstler
sich vorgesetzt hat, um es dann mit dem zu vergleichen, was ihm davon
zu realisieren gelungen ist. Zugegeben, daß es kein Werk ohne Plan
gibt; aber was Kunst ist an ihm, hängt allein von der Ausführung
ab und zeigt sich auch dem Künstler selbst erst in der Ausführung.
Ob es gut oder schlecht ausfällt, ist damit nicht entschieden, denn
diese Methode kann zu beidem führen; aber sobald das, was man gemacht
hat, über das, was man machen wollte, hinausgeht, wird man immer
etwas Schönes machen.
Bevor Jobst Tilmann zu Pinsel und Tusche greift oder ein Kreidestück
zur Hand nimmt, um mit einem einzigen Strich, einer einzelnen Linie das
Zeichenpapier auf eine ganz individuelle Weise zu strukturieren, ist für
ihn das Ergebnis seines Tuns in weiten Teilen unbekannt. Zwar lassen sich
bestimmte Momente im vorhinein kalkulieren, die Bildgestalt an sich definiert
sich allerdings erst im prozeßhaften Tun. Der Beginn des Arbeitens
offenbart sich als Anfang einer Wegstrecke, die zur Auslotung, zur Erforschung
eines in seinen Möglichkeiten unbekannten Terrains führt. Was
dem Künstler am Ende vor Augen steht, ist das Produkt aus gewissen
Unwägbarkeiten und vorab getroffenen Entscheidungen.
Ein risikohaftes Unterfangen - ganz zweifellos. Aber auch ein wirksames
Mittel, sich der eigenen Kreativität zu bedienen, auszubrechen aus
kunsthistorisch determinierten Schranken, um den künstlerischen Impulsen
freien Lauf zu lassen und Vorgewußtes, die Dominanz des Geistes
aus dem Schaffensprozeß zu verbannen.
Beide Aspekte zusammen, die Synthese aus ungelenkten und unvorhersehbaren
Prozessen und im voraus festgelegten Entscheidungen führen in die
Grenzbereiche einer Kunst, die man gemeinhin als konkret bezeichnet.
Namen wie etwa Theo van Doesburg stehen für einen Kunstbegriff, der
sich durch rein rationale Kriterien begründet. Ein Kunstwerk sollte
zunächst im Geiste geplant und formal strukturiert werden, bevor
es zur eigentlichen Ausführung gelangt. Losgelöst von jeglicher
Gegenstandsnähe sollen die Darstellungsmittel der konkreten Kunst
ausschließlich für sich selbst stehen. Eine Linie, eine Fläche,
die Farbe meint nichts anderes als sich selbst. Jede weiterführende
Interpretation würde über das Ziel hinausschießen und
den Kern des künstlerischen Gedankens verfehlen.
Ähnliche Ansätze finden sich auch in der Kunst Jobst Tilmanns,
die sich bei einem ersten, flüchtigen blick nahtlos in das enge Schema
der konkreten Kunst einzufügen scheint. Sieht man aber genauer hin,
so erscheint Tilmanns Malweise als eine eigenständige Position, die
sich zwar in ihrer Grundausrichtung an den Vorgaben der konkreten
Kunst orientiert, im Kern jedoch über diese hinausweist. So sind
auch Tilmanns Darstellungsmittel auf wenige Materialien begrenzt, die
formale Struktur seiner Werke ist klar nachvollziehbar und nichts trübt
ihren eigenständigen, autonomen Charakter.
Tusche und Farbkreide, ein besonders saugfähiges Büttenpapier
und zurechtgesägte Holzplatten zählen zu Tilmanns bevorzugten
Materialien. Mit ihnen schafft der Künstler Gestaltungen, die trotz
der Verknappung seiner Darstellungsmittel über ein Höchstmaß
an spannungsreicher Komplexität verfügen. Sparsamkeit der Mittel
führt hier keineswegs zu leicht überschaubaren, quasi im Vorbeigehen
zu erfassenden Gestaltungsstrukturen. Vielmehr ergeben sich bei näherem
Hinsehen und einer intensiven Betrachtung Strukturen, die mit einem abschweifenden
Blick kaum zur Geltung kommen. Mit der Oberfläche dieser Bilder zeigt
sich ein bewegtes Spiel von Helligkeitskontrasten und linearen Veränderungen.
Bedingt durch die variable Schnelligkeit und Stärke des Auftrags
bilden sich lineare Strukturen neben eher flächigen Ausformungen,
die Oberfläche gewinnt fast taktile Qualitäten, ja, man hat
den Eindruck, als bestehe das Material dieser Bilder nicht aus Papier
und Tusche, sondern aus einem dünnen, leicht transparenten Gewebe,
das uns in Form von Verschlingungen und Verflechtungen entgegentritt.
Die Tuschebahnen bewegen sich ausschließlich in horizontaler und
vertikaler Richtung, der Entstehungsprozeß dieser Malerei bleibt
für den Betrachter in sämtlichen Schritten nachvollziehbar.
Der schwer zu kontrollierende Fluß der Tusche, ihre wechselnde Farbigkeit,
der situationsabhängige Rhythmus der Armbewegung, mit der die Tusche
auf das Zeichenblatt übertragen wird - dies alles wird vom Künstler
toleriert und in den eigentlichen Bildentstehungsprozeß integriert.
Am Schluß ist ein Bild entweder gelungen, oder aber mißraten
- eine Kompromißlösung liegt außerhalb seiner Mentalität.
Die Vorgehensweise des Malers definiert sich durch mehrere, methodisch
aufeinanderfolgende Schritte. Ein erster Schritt führt über
die Festlegung des künstlerischen Handlungsspielraums durch die Eingrenzung
des Bildfeldes mit exakt verlaufenden Kantenlinien. Innerhalb dieser Begrenzungen
entwickelt sich ein dynamischer Gestaltungsprozeß, der seinen Ausgangspunkt
in einer imaginären, einer angenommenen Mitte, nicht in einer meßbaren
Mitte findet. Ausgehend von diesem Punkt begibt sich Tilmann daran, die
Fläche des Bildfeldes durch den waagerechten Auftrag der Tusche in
kleinere Flächenabschnitte zu untergliedern und so in der vorgegebenen
Ordnung eine neue, künstlerisch erreichte Ordnung zu etablieren.
Mit wechselnder Dynamik und einer schwankenden Stärke in Auftrag
und farblicher Intensität reiht sich Tuschebahn an Tuschebahn.
Geringfügige Überschneidungen setzen dunkle Akzente innerhalb
eines irisierenden Geflechts und die wechselnde Transparenz sorgt für
ein faszinierendes Spiel aus farbigem Dunkel und lichtvoller Helle. Die
Farbigkeit reicht von dunklen, tief klingenden Schwarztönen über
lichtvolle Grauwerte voller Transparenz bis hin zu opaken Farbtönen.
Durch Drehung des Zeichenblattes entwickeln sich neue Formverbindungen.
Die festgesetzten Ränder werden aber in keinem Fall überschritten
und an jener Stelle, wo der breitfächige Pinselauftrag eine Überschreitung
bewirken würde, findet die Komposition ihr vorläufiges Ende,
um sich von einem anderen Bereich aus weiter fortzuentwickeln. So wird
eine festgelegte Ordnung respektiert, und gleichzeitig entwickelt sich
innerhalb ihrer Grenzen ein eigenständiges Ordnungsgefüge, das
mit seinen charakteristischen Eigenschaften die individuelle Handschrift
des Künstlers verrät.
Bei all dem wird deutlich, daß sich die Malerei Jobst Tilmanns kaum
mehr in das festgefügte Schema der konkreten Kunst pressen läßt.
Zwar ergeben sich nach wie vor gewisse Berührungspunkte hinsichtlich
eines elementaren Zeichenrepertoires, hinsichtlich einer sparsamen Auswahl
der Mittel und Materialien, jedoch liegen die wesentlichen Unterschiede
in der Definition des Begriffes Komposition.
Die Malerei Tilmanns definiert sich nicht durch eine detaillierte geistige
Planung, sondern Komposition bedeutet für ihn die Summe der im Entstehungsprozeß
verborgenen Möglichkeiten bei einer im vorhinein festgelegten Reduktion
auf elementare Mittel und Prinzipien. Im Mittelpunkt steht weder das geometrische
Maß, noch ein konstruktives Kalkül. Statt dessen zählt
für Tilmann in erster Linie die Schaffung eines ästhetischen
Mehrwerts durch die Ausführung methodischer Schritte mit einem im
vorhinein kaum zu kalkulierenden Resultat. Sein Maß ist das Maß
der eigenen Körperreichweite, der dynamischen Armbewegung, das individuelle
Augenmaß, das über die formale Qualität der Ausführung
bestimmt. Damit begibt sich der Maler auf einen Weg, dessen Richtung für
ihn zwar grob überschaubar ist, sich in seiner detaillierten Beschaffenheit
jedoch erst mit dem Aufbruch und einer schrittweisen Auslotung zu erkennen
gibt.
Sondages - der französischsprachige Titel dieser Ausstellung
mag auf diese elementaren Zusammenhänge verweisen. Sondage
- das bedeutet im Französischen soviel wie Probebohrung, Lotung,
Befragung oder auch Ausforschung. Der Begriff Sondieren ist
nach dem Fremdwörterlexikon gleichbedeutend mit vorsichtig
erkunden, ausforschen, vorfühlen, das Gelände, die Lage erforschen.
Und wirklich scheint sich mit diesen Worterklärungen die Malerei
von Jobst Tilmann wirksam erschließen. Malerei formuliert sich hier
als eine Art Grenzgängertum. Ihre sichtbaren Werte führen zurück
auf die körperhafte Befindlichkeit des Künstlers, um damit seine
Malerei als eine zutiefst individuelle Form der Selbstäußerung
erscheinen zu lassen.
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