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Jobst Tilmanns Tuschzeichnungen auf Papier und Holz konfrontieren in
auffälliger Weise mit gegensätzlichen Eindrücken. Sie zeigen
Strukturen, in denen ein hohes Maß an Gleichförmigkeit und
Regelmäßigkeit zu herrschen scheint. Anfänglich nimmt
man konstante Verhältnisse wahr, horizontale und vertikale Linienverläufe,
die das Bildfeld in rechtwinklige Abschnitte zergliedern. Bei näherer
Betrachtung verliert sich dieser Eindruck zugunsten eines deutlichen Hervortretens
unregelmäßiger und schwankender Momente. Eine spürbare
Spannung liegt in der Konkurrenz verschiedener Betrachtungsmöglichkeiten.
Einerseits scheint es möglich, alle Bildelemente einer einfachen
Systematik unterzuordnen, andererseits wird diese analytische Herangehensweise
durch eine eigenwillige Präsenz individueller Erscheinungen in Fage
gestellt, die dazu auffordern, das Bildfeld immer wieder ausschnittsweise
und im Detail zu betrachten.
Die ambivalente Erscheinungsstruktur, die in den Werken von Jobst Tilmann
zur Wirkung kommt, entspringt der Vermittlung unterschiedlicher Gestaltungsprinzipien.
Im Enstehungsprozeß seiner Bilder verbindet sich ein Hang zur rationalen
Ordnung mit einem starken Interesse an organischen Vorgängen, welches
sich bereits in einer Sensibilität für die sinnliche Qualität
des verarbeiteten Materials äußert.
Die künstlerische Handlung beschränkt sich zunächst auf
die konsequente Wiederholung einfachster Gestaltungselemente, die sich
aus der geometrischen Grundform des Bildträgers ergeben. In gleichbleibender
Manier zieht Tilmann Tuschebahnen, die senkrecht oder waagerecht das Bildformat
durchlaufen. Diese Bahnen werden flächenfüllend möglichst
eng nebeneinandergesetzt. Schichtenweise wird dieser Vorgang wiederholt,
die zweite Ebene meist in einer der ersten entgegengesetzten Richtung.
In vielen Arbeiten ensteht durch das Ineinandergreifen senkrechter und
horizontaler Linienzüge ein deutlich wahrnehmbares Raster aus quadratisch
zugeschnittenen Feldern. Wahlweise wird nur eine Hälfte des Bildfeldes
bearbeitet oder Flächenabschnitte, die sich aus weiteren Halbierungen
ergeben, der Pinsel gegen eine Schabnadel eingetauscht, die das Bildfeld
mittels feiner linearer Ritzungen strukturiert. Durch eine strikte serielle
Organisation erfolgt der Bildaufbau unabhängig von subjektiven Entscheidungen
und innovativen Momenten.
Jobst Tilmanns Bildsprache und Gestaltungsmethode stehen in der Tradition
einer konstruktiven konkreten Kunst. Insbesondere setzt er sich mit dem
Erbe der sogenannten Minimal Art auseinander. Im Unterschied zu deren
Zielsetzung, den Betrachter mit einfachsten objektiven Sachverhalten zu
konfrontieren, um die Erfahrung individueller und zeitlicher Momente auf
selbsterzeugte Bewegungen während des Anschauungsprozesses zu beschränken,
werden organische und zeitliche Dimensionen von Jobst Tilmann direkt in
den Gestaltungsprozeß integriert. Unter Mitwirkung körperbestimmter
und materialabhängiger Einflüsse, die als unkalkulierbare Faktoren
die strenge Konzeption unterwandern, entsteht eine weiche Geometrie, eine
vitale Struktur, die bewusst mit Schwankungen und Abweichungen arbeitet.
Bereits die Festlegung des Bildformats wird durch körperliche Maßstäbe
bestimmt. Die maximale Größe der bearbeiteten Formate bleibt
auf den Bewegungsradius der Arme beschränkt. Der Gestaltungsablauf
entwickelt sich grundsätzlich ohne Hilfsmittel, die konforme Bildelemente
und regelmäßige Unterteilungen garantieren. Ein freihändiger
Umgang mit Pinsel oder Schabnadel als auch eine unkontrollierbare Eigendynamik
der Tusche verursachen schwankende, zum Teil gebrochene Linienverläufe.
Die lineare Struktur und die innenliegenden Formen, die sich infolge minimaler
Zwischenräume oder Überlappungen eng aneinandergesetzter Tuschebahnen
herausbilden, zeugen gleichermaßen von einer Stabilität und
Instabilität der Gestaltungsfaktoren. Insbesondere in den Randzonen
der Bildfelder kommt es zu deutlichen Abweichungen aus den horizontalen
und vertikalen Achsen, da die ausführende Armbewegung zunehmend schwerer
zu steuern ist je weiter sie sich aus dem Körpermittelpunkt entfernt.
Hier entstehen auch jene unregelmäßigen Flächenabschnitte,
die als Reststücke einer lediglich durch das Augenmaß getätigten
Einschätzung der verfügbaren Fläche verbleiben. Die rechtwinklige
Form des Bildträgers bildet den Bezugsrahmen, innerhalb dessen sich
die Eigengesetzlichkeit eines organischen Prinzips artikuliert.
In der Ausführung einer auf Gleichmäßigkeit und symmetrische
Flächenaufteilung bedachten Handlung treten Asymmetrien und Unregelmäßigkeiten
auf, die weder absichtlich gesteuert, noch willentlich vermieden werden,
sondern auf natürliche Weise entstehen. Durch den mehrschichtigen
Aufbau der Bilder erhöht sich der Anteil unterschiedlicher Richtungsverläufe,
Formbegrenzungen und Tonwerte innerhalb der strukturierten Fläche.
Aufgrund der transparenten Eigenschaften der Tusche kommt es zu einer
vielfätigen Interaktion zwischen den einzelnen Schichten. Das Auge
erhält unabhängig von der tatsächlichen Überlagerungsfolge
wechselnde zeitliche und räumliche Bewegungsimpulse. Dort, wo die
Ebenen sichtbar aufeinandertreffen, an den Bildrändern oder im Grenzverlauf
separat gestalteter Bildhälften, wirken unregelmäßige
Abschnitte und Linienverläufe als anschauliche Gradmesser einer prozessualen
Verschiebung. In diesem Sinne beschreibt jede aufgetragene Schicht einen
vorübergehenden Zustand, der durch die nächste Strukturierung
relativiert wird.
Eine neue Position des Künstlers vor dem Bild oder eine gegensätzliche
Armbewegung bilden in den konzeptionell strenger gefassten Arbeiten die
minimalsten Bedingungen einer zeitlichen Veränderung. In der Bearbeitung
kleinerer Flächen, in denen natürliche Schwankungen durch eine
bessere Kontrollierbarkeit der Abläufe weniger die strenge Logik
des Bildaufbaus beeinträchtigen, greift Jobst Tillmann zum Mittel
der Variation. Verschiedene Pinselbreiten, Pinsel oder Schabnadel, die
Grundfarben rot, gelb und blau kommen schichtenweise wechselnd zum Einsatz.
Zunächst werden diese Variationen wiederum durch bestimmte Abfolgeordnungen
reguliert, doch in den jüngsten Bildern öffnet Jobst Tilmann
den Spielraum für individuelle Abwandlungen weiter, indem er sogar
die Grenze eines kompositionellen Umgangs mit dem Material berührt.
Es sind nicht mehr nur die Halbierungspunkte sondern willkürlich
gewählte Positionen innerhalb des Bildfeldes, an denen er seine Linienreihen
abbricht, um von einer anderen Seite wieder neu zu beginnen.
Im Endergebnis wird die Bildstruktur uneinheitlicher, zunehmend durch
verschiedenfarbige Linien und changierende Farbfelder dynamisiert. Aufgrund
der Vielfalt anschaulicher Sensationen tritt der Anteil des Systematischen
an der Bildentstehung zunehmend in den Hintergrund. Die tatsächliche
Organisation der künstlerischen Handlung ist zwar denkbar einfach,
aber anschaulich oft nicht mehr nachzuvollziehen. In einigen Arbeiten
spielt Jobst Tilmann gezielt mit der Auflösung oder Verfestigung
einer einheitlichen Struktur, wenn er eine in ihrer Gesetzmäßigkeit
durchschaubare lineare Gliederung durch den Auftrag von Wasser verwischt
oder ein inhomogenes Gefüge mittels des Einsatzes am Lineal entlang
geführter Einritzungen wieder stabilisiert. Immer wieder sucht er
ein spannungsvolles Gleichgewicht zwischen systematischer Ordnung und
prozessualer Veränderung zu erreichen, das die anfänglich beschriebenen
Spannungsmomente zwischen einer analytischen und sinnlichen Betrachtungsweise
auslöst.
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