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Die neuen Bilder Tilmanns plädieren völlig unprätentiös,
d.h. sehr leise, sehr nachdrücklich, dafür, die Schönheit
wieder in den Mittelpunkt der Reflexion zu stellen - einfach weil sie
schön sind.
Kant hat Schönheit als das sinnliche Scheinen einer Idee bestimmt.
Auch das spielt in Tilmanns Bildern, wie wir noch sehen werden, eine große
Rolle. Schönheit ist ja heute eine sehr umstrittene Vorstellung in
der Kunst. Wahrscheinlich ist sie vielen so suspekt, weil sie das revolutionäre
Potential nicht sehen, das in ihr steckt.
Einer, der das in diesem Jahrhundert wie kein anderer erkannt hat, war
der Amerikaner James Lee Byars. Kein Wunder, daß er ein enger Freund
von Joseph Beuys war. Wer erinnert sich nicht an die berührende Aufnahme
des Künstlerfotografen Benjamin Katz, welche die beiden hingelagert,
einander zugewandt, im selbstversunkenen Gespräch zeigt mitten im
Trubel einer documenta oder während der Metropolis-Ausstellung in
Berlin. Beuys mit dem großen Eurasienstab, Pastor, Schäfer
und Prediger, Byars wie so oft das Gesicht verhüllt von einem schwarzen
Seidentuch, auf dem Kopf einen weichen Stetson, eine zeitgenössische,
amerikanische Variante des blinden, griechischen Sehers Teiresias.
Schönheit recht verstanden, ist alles andere als unpolitisch. Im
Gegenteil, sie kann ein mächtiges movens sein, um sich selbst zu
ändern und so letztlich auch die Gesellschaft. Allerdings ist die
Schönheit, von der ich spreche, nicht zu verwechseln mit Dekoration.
Dekoration ist immer affirmativ. Dekoration bestätigt die Verhältnisse
wie sie sind, Schönheit stellt sie in Frage. Dekoration schmückt,
was ist; Schönheit spricht von dem was sein sollte. Dekoration richtet
uns ein, Schönheit bringt uns in Bewegung.
Die Schönheit in der Kunst ist immer ein Gleichnis, das von Utopia
erzählt und vom Vorschein einer besseren Wirklichkeit. Adornos Satz
trifft hier zu, auf das Gedicht gemünzt, aber darum nicht weniger
wahr für die bildende Kunst. Was der Gehalt des Kunstwerks sei, das
zu bestimmen, meinte der Meister, verlangt Wissen vom Inneren
der Kunstwerke wie von der Gesellschaft draußen.
Tilmanns Bilder sind schön, weil sie in ihrer Faktur einem humanen
Maß folgen. Sie orientieren sich sowohl an objektiven wie subjektiven
Kriterien und führen sie gelingend zusammen. Insofernerleben wir
hier einen Traum, den wir alle träumen. Es ist der Traum eines gelingenden,
nicht durch die Welt und die anderen entfremdeten Lebens. Es ist die Engführung
von Wunsch und Wirklichkeit, von einem erfolgreichen in der Welt sein
und zugleich mit der Welt sein. Dieser Traum zieht in Tilmanns Bilder
ein durch eine geglückte Allianz von Kalkül und Extase. Genau
das scheint mir in diesen Arbeiten zu passieren. Tilmann kalkuliert seine
Bilder, er hat ein genaues und sehr klares Konzept von dem, was er machen
will. Präzise Vorentscheidungen legen Zeugnis davon ab.
Die Wahl des Mediums, dann die Wahl eines bestimmten Bildformats, weiter
die Entscheidung für die Farbe, die durch unterschiedliche Lösungen
und Schichtungen zu unterschiedlicher Intensität vermalt wird, schließlich
die Wahl eines bestimmten Pinsels.
Der Pinsel, seine Breite und Dichte, das Haar sind genauso wichtig wie
die Tusche und der Malgrund.
Tilmann steht, historisch gesehen, mit der Konzentration auf dieses Medium
in der Tradition der großen chinesischen und japanischen Tuschemaler.
Lesen wir in den Traktaten der Theoretiker dieser Kunst, lernen wir, daß
sie Tusche und Pinsel wie lebende Wesen betrachten.
Vom Genius des Künstlers geführt, haucht ihr Atem der Materie
Leben ein.
Jeder Pinselstrich und jede Tuschenuance repräsentiert. Sie stehen
für eine Emotion oder eine Idee, eine Art zu denken und zu fühlen.
Insofern stellen die Bilder der Künstler den Kosmos nach und bauen
zugleich ihren eigenen Kosmos auf. Jede Wolke und jede Welle, jeder Berg
und jeder Baum hat ein geistiges Substrat. Und genauso, denke ich, geht
es mit den Bildern Jobst Tilmanns. Was wir hier auf den ersten Blick in
größter Lakonie gemalt, als Gitter, als Struktur, als Lineament
wahrnehmen ist eine eigene Sprache, die auf ihre Weise die Welt nicht
nur abbildet, sondern auch kommentiert.
Sobald Tilmann sich für Bildgrund, Bildformat, für Farbe und
Pinsel entschieden hat, geht er an die Arbeit. Selten oder nie braucht
der Künstler Skizzen oder Vorstudien. Kann sein, daß er einmal
flüchtig auf ein Blatt Papier wirft, wohin die Reise des Malens gehen
soll, was in seinem Falle heißt, ob er von der Mitte des Blattes
aus mit seinem bildnerischen Werk beginnt, vom oberen oder unteren oder
vom linken oder rechten Bildrand und wie er sich die Abstände seiner
Pinselbahnen denkt und wie das System der antizipierten Farbüberlagerungen.
Tilmann braucht keine Vorstudien, aber nicht, weil das bildnerische Tun
so einfach wäre - das ist es nicht, und es erfordert im Gegenteil
höchste Konzentration, die keine Ablenkung duldet. Bei der Arbeit
gibt es, einmal angefangen, eine Vertiefung, ein Gerichtetsein auf den
Malakt, eine Intentionalität, die einer mystischen Versenkung nicht
unähnlich sind. Das ist auch der Augenblick der anfangs erwähnten
Extase. Eine kalkulierte Extase. Ein Aus-sich-heraustreten, wo das ganze
Sein des Künstlers aufgeht und identisch wird mit dem künstlerischen
Akt. Das ist nichts für Malbeamte. Täuschen wir uns nicht über
die kühle Faktur der Werke: Tilmanns Bilder brennen.
Der Künstlerbraucht keine Vorstudien, weil er, wenn Sie mir die linguistische
Anleihe gestatten, Grammatik und Lexikon seiner Bilder im Kopf trägt.
So wie die Sprache als System die Vielzahl unserer Sprachakte erlaubt,
so generiert das bildnerische System, von dem Jobst Tilmann ausgeht -
ja, das in gewisser Weise seine Erfindung ist und das er sich patentieren
lassen könnte wie Yves Klein sein berühmtes Blau - so generiert
dieses bildnerische System eine Vielzahl möglicher Bilder. Es sind
bestimmte, wenige Parameter, die sich zu einer unendlichen Zahl bildnerischer
Äußerungen auffächern lassen. Denken Sie an die Sprachtheorien
der Strukturalisten, von Saussure bis Chomsky; ein Geflecht binärer
Regeln erzeugt ein komplexes Sprachsystem. Oder denken Sie an die Funktionsweise
des Computers. Oder einfach an das Schachspiel: wenige Figurfunktionen
erlauben eine Unendlichkeit an Partien.
Für Tilmann sind die Grenzen seines Blattes oder seiner Leinwand
auch die Grenzen seiner künstlerischen Welt. Er respektiert sie so
sorgfältig wie die Chinesen das einst taten. Er legt seinen Malgrund
auf den Boden oder hängt ihn an die Wand, er dreht ihn manchmal nach
allen Seiten und setzt die ganze Länge des Arms, die Kraft des ganzen
Körpers ein, um ihn zu bearbeiten. Aber er geht nicht darüberhinaus,
um etwa noch die Kanten oder den Rahmen seiner Bilder einzubeziehen. Kein
Versuch einer donquijotesken Transzendierung. Für Tilmann ist das
Bild wie in der Renaissance Fenster zur Welt, nicht die Welt selbst. Das
ist ein schönes Memento, wenn wir schon von binären Formeln
reden. Auch die Monitore unserer Computer und Fernseher sollten aller
Virtualität zum Trotz nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden.
Der Titel der Ausstellung Intercalages bringt Tilmanns künstlerische
Strategie auf den Punkt. Intercalages sind Einfügungen. Diese Einfügungen
bestehen nicht oder jedenfalls nicht nur, wie man etwa meinen sollte,
in der evidenten Zusammenführung zweier unterschiedlicher Ordnungen,
die bei ihren wechselnden Allianzen und Bildteilungen immer dem orthogonalen
Prinzip gehorchen;
Tilmanns eigentliche Einfügung - so will mir scheinen - ist die subjektive
Handschrift.
Die subjektive Handschrift führt dazu, daß das Gleiche ungleich
und das Ähnliche unähnlich wird. Sie führt zu den Unschärferelationen
der Bilder.
Bei ihnen scheint die Physiognomie des Autors auf, ohne recht eigentlich
da zu sein. Und doch ist sie da. Sie ist da in der Manufaktur - ganz wörtlich
zu verstehen als das von Hand Gemachte - in der Manufaktur unregelmäßiger
Ränder und leicht verzogener Linien, in der unterschiedlichen Transparenz
der Farbbahnen und im satten Ansatz eines allmählich sich ausdünnenden
Pinselzuges.
Diese subjektive Signatur ist die Conterbande, die Tilmann gegen den strukturalen
Anschein in seine Bilder schmuggelt. Sie konterkarriert auch aufs Schönste
das ganze Gerede von der konkreten Kunst, mit deren Etikett eine um Zuordnung
bemühte Kunstkritik Tilmann zu vereinnahmen sucht. Dieses Etikett
paßt ebensowenig zu dem Künstler wie das von der MinimalArt,
die, wenn man so will, die vierzig Jahre später zur Welt gekommene
Schwester der Konkreten Kunst ist. Eine kleine Anekdote mag das verdeutlichen:
Als Ende der sechziger Jahre Carl Andre in einer New Yorker Galerie seine
später berühmt gewordenen Bodenplatten ausstellte, suchten nicht
nur die Besucher, sondern auch die Kunstkritiker erstaunt nach der Kunst.
Den Künstlern der Minimal Art ging es um ultimative, was heißen
soll ideale Formen in der Kunst. Dieser Idealismus war nichts anderes
als ein Neuplatonismus oder, wenn Sie so wollen, Cartesianismus. Die Erfassung
der Welt de more geometrico, auf mathematisch-logische Weise. Der Mensch
hat darin nichts zu suchen. Der Mensch hat Gefühle und ist unzuverlässig.
Die Minimal Art, wie vor ihr schon die konkrete Kunst, suchte das Subjekt
als unzuverlässige und schwer zu kalkulierende Größe aus
ihren artistischen Gleichungen zu eliminieren. Jobst Tilmann bringt es
uns wieder zurück.
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