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Es gibt von Jobst Tilmann ein schönes kleines
Künstlerbuch aus dem Jahr 1991, Tuschezeichnungen auf Papier mit
dem Titel Horizon Vertical.
In diesem Buch steht bis auf zwei Zitate kein Text. Das eine Zitat stammt
von dem französischen Philosophen Descartes, das andere von dem amerikanischen
Schriftsteller Henry Miller. Die Zitate hätten geschickter nicht
gewählt sein können, um die Kunst von J. Tilmann zu illustrieren.
Deshalb will ich sie Ihnen auch nicht vorenthalten.
Descartes schreibt: Zerlege ein Problem in soviele Bestandteile,
bis es verständlich wird. In dem Satz aus Descartes Discours
de la méthode haben Sie die ganze Methode von Tilmann, der als
Maler nach festen Parametern arbeitet.
Das Problem von Bildaufbau und Komposition, von Sujet und Thema, von Form
und Farbe löst er durch eine List der Vernunft. Vernunft heißt
bei Tilmann äußerste Beschränkung. Beschränkung darauf,
daß Bild in Felder zu teilen, sich für einen bestimmten Pinsel
und damit für eine bestimmte Pinselbreite zu entscheiden, ihn in
regelmäßigen und ruhigen, vertikalen und horizontalen Bahnen
über Papier oder Leinwand zu führen, Bahnen und Felder genau
einzuhalten, sich beim Farbauftrag
auf die Primärfarben plus Weißbeimischungen in unterschiedlicher
Konzentration zu beschränken und dabei verschiedene Schichten übereinander
zu legen.
Das Ergebnis sehen Sie in ebenso strahlender wie sinnverwirrender Schönheit
vor sich an der Wand.
Tilmann ist ein Meister der subtilen Geste und der diskreten Intervention.
Minimale Abweichungen und federleichte Irritationen bestimmen das Gewicht
seiner Bilder.
In drei unterschiedlichen Formaten breitet er hier eine Werkserie vor
unseren Augen aus, die vom Großen zum Kleinen geht und so den Blick
des Betrachters in gewisser Weise stetig konzentriert und fokussiert und
auf das Detail lenkt.
Und damit komme ich zum Zitat von Henry Miller. Es lautet: Es geht
nicht um die Worte selbst, sondern wie sie nebeneinandergestellt sind
- und darin offenbart sich der schöpferische Geist. Welche Worte
er zusammenstellt und wie er sie
zusammenstellt und was sie heraufbeschwören - und nicht, was sie
sagen.
Mit anderen Worten: es geht um Suggestion, um Magie, um Verführung.
Und das gelingt Tilmann mit einer tour de main, mit einer Drehung der
Hand so wie bei einem Zauberer, aus dessen weiten Mantelärmeln plötzlich
weiße Tauben schlüpfen.
Dabei ist nichts Geheimnisvolles an seiner Bildproduktion. Er stellt uns
sein System der Bildgenerierung klar vor Augen. Aber es ist wie mit der
Sprache. Auch Miller und alle seine wunderbaren Schriftstellerkollegen
benutzen dasselbe Lexikon wie wir: nur was sie mit den Wörtern anzufangen
wissen, das übersteigt immer wieder unsere Vorstellungskraft.
Man spricht im Zeitalter der Computer soviel von virtuellen Systemen.
Das Alphabet ist das älteste und wunderschönste virtuelle System,
das ich kenne.
Nicht anders ist es mit Pinsel, Leinwand und Farbe.
Ich sagte, es geht um Magie, aber natürlich geht es genauso um Klarheit
und Deutlichkeit.
Descartes und Miller, der Philosoph und der Erzähler - zwei Seiten
einer Medaille.
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