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Die Kehrseite einer Medaille, anderen Formulierungen
und Charakteren auf die Spur zu kommen, hat mich schon immer interessiert."
(Tilmann).
In der Mehrteiligkeit sieht der Künstler Möglichkeiten, sich
einem Thema in vielfältiger Weise zu nähern: Malerei, Zeichnung,
Grafik sind in dieser Weise komponiert. Diaoge finden statt - Tafeln agieren
und reagieren, kontrastieren und korrespondieren. Das Interesse des Künstlers
gilt den Beziehungen von Ordnungen, Systemen, Formulierungen unterschiedlicher
Sprache und Dialekte. Positionen, die mit agieren, Berührungspunkte,
bestimmte Verwandtschaften oder Strukturen haben, werden zu einem größeren
Ganzen, quasi zu einer Persönlichkeit. In der Gesamtsicht ergeben
sich mehrteilige, multivalente Beziehungsfelder. Die Arbeiten zielen auf
eine Balance divergierender Bezugsmöglichkeiten und stellen die Balance
dieser Kräfte zugleich wieder in Frage. Aus dieser Ambiguität
schöpfen die Arbeiten ihre Spannung.
Die Farbpalette umfaßt vornehmlich gebrochene Töne, die mit
weißen, grauen oder schwarzen Grundflächen verbunden werden.
Farbschichten liegen übereinander und durchdringen sich, das einmal
Gesetzte wird zur Durchsicht gebracht. Verdichtungen stehen ausgedünnten
Randzonen gegenüber. Plane Farbtafeln sind mit pastosen konfrontiert,
bemalte Flächen mit ausgesparten. Wirbel, Farbstrudel einerseits
und beruhigte Flächen andererseits stehen sich gegenüber. Nicht
mehr an assoziative Inhalte gebunden, werden Farben zu Energie- und Materiefeldern.
Auch die roh belassene Leinwand wird unmittelbar zum Element der Komposition.
Tilmann beherrscht den Einsatz von bildnerischen Zeichen und Formen, spielt
mit kalligrafischen Elementen, setzt in meist diffuse Farbfelder sich
auflösende, vage umrissene geometrische Zeichen. Das Vokabular: Quadrat,
Rechteck, Kreis, Halbkreis, Kreuz, Spirale. Zeichen werden virtuos variiert,
spielerisch der Umgang: leicht und beiläufig, präzise und klar
umrissen, fragmentarisch und verschwommen.
Als einzelne Zeichen oder seriell angeordnet, heben sich diese Zeichen
deutlich von hellen Gründen ab und haben sich in dunklen zu behaupten.
Zeichen innerhalb eines Ensembles bilden Polaritäten, werden wiederholt
oder variiert.
Ebenso wie in den Leinwänden bilden geometrische Formen das Vokabular
der Zeichnungen. Kreis, Halbkreis erscheinen in Verbindung mit rechteckigen,
schwarz und grau modulierten Flächen oder mit nahezu aufgelösten
Quadratformulierungen. Zeichen, auf der Rückseite aufgetragen, scheinen
in seltsam gedämpften Farben durch die Papiere. Eine eigenartige
Stimmunge wird erzeugt, Zeichen erscheinen aufgelöst und verschwommen,
haben einen samtigen und perligen Charakter. Mit einer Nadel werden dem
Papier Schnitte zugefügt, Bögen gefaltet, so daß Knicke
entstehen. Verletzungen des Papiers, Wunden, Schnitte und Knicke, mal
horizontal, mal vertikal, bilden ein Lineament, überziehen und gliedern
das Papier, trennen und verbinden gleichermaßen. Zum einen sind
Zeichen intuitiv gesetzt, zum anderen werden sie immer auf ihre Haltbarkeit,
Präsenz überprüft. Tilmann ist bewußt, das Quadrat,
Kreis und Spirale Bedeutungsträger von spezifischen Inhalten sind.
Weniger interessiert ihn die inhaltliche Bedeutung dieser Symbole, um
so mehr wird der Künstler von ihrem Formcharakter emotional angezogen.
Eine Spirale, die sich aus einem Zentrum, einem Farbfleck kontinuierlich
weiterentwickelt, gibt ihm das Gefühl endloser Kontinuität.
Ein fragmentarisch formuliertes Quadrat vermittelt ihm das Gefühl
von etwas Gebautem, von etwas Gehäuseartigem, von Schutz und Wärme.
Einerseits sind Bildelemente wie Quadrat und Kreis als etwas Festes und
Selbstständiges wahrzunehmen, andererseits verlieren sie ihre Verläßlichkeit,
denn im Zusammenhang mit dem anderen oder durch Bezüge zu anderen
Formulierungen sieht man das Gleiche anders. Zeichen können gleichermaßen
Kreuze wie auch angedeutete Quadratformulierungen sein, der Kreis kann
ausgrenzen oder eingrenzen, abgrenzen oder gliedern, ausschließen
oder einschließen; so haben die Einschnitte und Knicke der Papierarbeiten
trennenden wie verbindenden Charakter.
Die bildnerischen Ebenen sind entzerrt. Keine Übereinanderlegung,
vielmehr ein Nebeneinander - aber kein beziehungsloses Nebeneinander der
gefundenen Zeichen, Formen und Maße, sondern ein labiles Gleichgewicht.
Die Haltbarkeit der verschiedenen Ordnungen und Formulierungen wird ausgelotet;
nicht klassische Proportionen interessieren, vielmehr reizen den Künstler
Grenzsituationen. Das Entweder-Oder ist zugunsten eines Sowohl-Als-Auch
aufgehoben. Das Dogma des Minimalismus The whole is it³ trifft
nicht zu. So ist das Ganze mehr als die Summe der einzelnen Elemente.
Die Arbeiten sind an die aktive visuelle und reflektive Teilhabe des Betrachters
gerichtet, erfordern von ihm ein geduldiges Sehen, dem allein sich die
Arbeiten von Jobst Tilmann erschließen.
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