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Tilmann: Sein künstlerisches Imago
"In der Küche wird nichts erfunden! Die Grundzutaten sind
immer die gleichen: Geflügel, Fleisch, Gemüse ..." Diesen
bemerkenswerten Satz lässt Paul Bocuse im Vorwort seines
Buches La cusine du marché eher beiläufig fallen,
eben wie eine eh jedem klare Einsicht. Die Malerei ist das gleiche
Metier: Leinwand, Pinsel, Farben sind die Konstanten, Acryl und
Geschmacksverstärker die Auswüchse unserer Tage.
Ganz natürlich ergeben sich aus dem Vorhandenen, aus dem
Wachsen der Dinge, aus den Traditionen, Entwicklungsschritte zu
Neuem, das immer auch das Alte in sich birgt. Natürlich gibt
es für die zeitgenössische Malerei das Vorbild und die
Tradition der Konstruktiv-Konkreten Kunst von Kasimir Malevitch
über Theo van Doesburg und Piet Mondrian bis heute.
Auch für das künstlerische Tun Jobst Tilmanns muss diese
Vorbildhaftigkeit betont werden, wenngleich er kein in der Wolle
gefärbter konkreter ist. Seine scheinbare Nähe zur konkreten
Kunst ist eher eine brüderliche, man kennt sich fast zu gut,
man steht sich nah, ist aber doch ganz eigen.
Im Gespräch mit Tilmann über Fixpunkte seiner Kunst
erwähnt er bald Ellsworth Kelly, und tatsächlich erinnert
der Betrachter schnell ein epochales Bild des Amerikaners, Colors
for a large wall, entstanden 1951. Dieses aus 64 Farbteilen zusammengefügte
Werk läßt als Errungenschaft jede Farbe einzeln durchatmen
und erscheint deshalb weiter entwickelt gegenüber vergleichbaren
Werken Hans Arps und Sophie Taeuber-Arps. Kelly bewunderte 1950
in Paris die dreißig Jahre zuvor entstandenen Schöpfungen
der Arps, Jobst Tilmann bezieht sich auf Kelly und bricht in einem
weiteren Schritt die Zusammenstellung von Farbkuben mit eigenen,
überlagernden Strukturen auf. Für solchen Erfahrungshorizont
steht beispielsweise auch Ad Reinhardt, ein weiterer Künstler
der New Yorker Schule, dem Jobst Tilmann nahe steht, dessen Schaffen
er schätzt. Und natürlich ist Cézanne, der späte
Cézanne der Jahre 1900 bis 1906, der malerische Vorwurf
für die Farbsetzungen Kellys und Reinhardts.Was dem Einen
die Montagne Sainte-Victoire, ist dem Anderen der Mont Ventoux.
Dabei ist Tilmann in seinen Überschreitungen, seinem Changieren
der Farbsetzungen Cézanne wieder näher, als er es
Kelly je war.
1982 wechselt Tilmann von der norddeutschen Tiefebene in die Provence,
St. Restitut wird sein Wohnort. Dort erregen aufgegebene Steinbrüche
(die der Tourist in dieser Gegend aus Les Baux kennt) sein Interesse,
die Strukturen der Brechungen im Fels faszinieren ihn, die gebrochene
Realität scheint mit seinem imago von Kunst kongruent. Eine
durchaus vergleichbare Erfahrung machte dreißig Jahre zuvor
Ellsworth Kelly: sein berühmtes Seine - Bild zeigt bei aller
gelebten Geometrie "Kelly`s dependence on natural phenomena" (Diane
Waldmann), eben die Möglichkeit, Naturformen als Ausgangspunkt
konkreter Formfindung zu akzeptieren. Und das ist nicht wenig.
"Bin eigentlich Zeichner", sagt Tilmann, kein Wunder, hat er sich
während der 90er Jahre doch fast ausschließlich der
Tuschpinselzeichnung zugewandt. Wichtig ist ihm die Linie, die
im Richtungswechsel um 90° zur Leinwandbindung wird, und in
breiten Strichlagen zu Binnenraumstrukturen führt.
Jüngste Zeichnungen von 1998 zeigen im schwarz überlagerten
Raum Feinheiten des Gefüges, die an vergleichbare Arbeiten
etwa von Pierre Soulages denken lassen. Die völlige Raumöffnung
in der Zeichnung ergibt schließlich einen Bildraum, einen
Kastenraum, der die Hell-Dunkel Inszenierungen auf der Bühne
des Michelangelo da Caravaggio in Erinnerung ruft. Caravaggio
ist wohl Tilmanns wichtigstes imago: Der Wille zur Öffnung
des Raumes, die Beherrschung von Licht und Dunkel, das intime
Verhältnis zum Transzendenten, das zugleich unverfälschte
Wirklichkeit ist, eben diese Charakteristika sind auch Jobst Tilmanns
Kunst eigen.
Heinz Höfchen
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